Test: Concorde Carver

Die mobile Zweiraumwohnung:

Ein ausgewachsener Liner, der seine einzigen Betten als Hubbetten über dem Fahrerhaus versteckt. Und der das Fahrerhaus kurzerhand zum Büro erklärt, weil es für den Wohnraum nicht mehr benötigt wird. Ist das die konsequente Fortführung des Gedankens oder nur ein in die schicke Liner-Hülle gepresster Alkovengrundriss?

Fazit:

Endlich gehört auch in der Königsklasse der vornehmste Platz in der Kabine dem Wohnraum, nicht dem Bett. Das Fahrerhaus in einen sehr praktischen Multifunktionsraum zu verwandeln, stellt eine ganze Reisemobilgattung auf den Kopf. Das Ganze setzt Concorde handwerklich tadellos um und verpackt es in einer spürbar hochwertigen, aber angenehm unspektakulären Gestaltung. Der Platzhirsch will bei allem Komfort ein Reisemobil sein, kein besonders großes Luxusaccessoire.

Den vollständigen Artikel finden Sie in REISEMOBILIST Frühjar 2017. Jetzt portofrei nach Hause liefern lassen:

Das Testergebnis unseres Leser-Testers Martin Wiegand:

Der Grundriss des Carver 890 RRL ist ungewöhnlich, die Aufteilung und Platzierung der Komponenten habe ich sonst noch nicht gesehen. Die Anordnung der Rundsitzgruppe im Heck sowie die daran anschließende große Küche haben mir besonders gefallen, da sie ein fast schon gigantisches Raumgefühl vermitteln. Ich habe Größe und Platz schon immer als Luxus empfunden, daher fühle ich mich im 890 RRL verwöhnt. Kleine schmale dunkle Wohnmobile mit engen Platzverhältnissen mag ich nicht, auf längeren Reisen würde mich das zu sehr beeinträchtigen. Die Einschränkung, mit einem großen Wohnmobil vielleicht irgendwo mal nicht bis in den hintersten Winkel zu gelangen, nehme ich gerne in Kauf für das Gefühl, mich in diesem großen Fahrzeug grundsätzlich wohl zu fühlen.

 

Gleich beim Einsteigen sieht man links ein absolutes Highlight des Carver: die um 90° Grad gedrehte Rundsitzgruppe im Heck. Sie vermittelt das Gefühl „Hier ist Platz ohne Ende“. Es gibt drei große Fenster, das Licht flutet herein, alles ist hell und gemütlich. Man kann sich auf allen Sitzkissen räkeln, jeder Platz hat seinen Reiz, man wird nirgendwo räumlich eingeengt, auch nicht beim Sich-Hinsetzen: Der Tisch ist in alle Richtungen verschiebbar (und ausziehbar), stört nicht, und man kann bequem zu seinem Lieblingsplatz gelangen. Einen Slide-Out vermisst hier niemand.

 

Mein Lieblingsplatz wäre die zum Heckfenster gerichtete Bank, die mit der Lehne direkt an der Küche. Wer hier sitzt, genießt eine Rundumsicht, wie ich sie von keinem anderen Wohnmobil kenne; es ist ein 180°-Panorama. Der Blick kann tatsächlich vom linken über das Heckfenster zum rechten Fenster wandern, das ist bei keinem anderen Grundriss möglich, weil man dort immer eines der Fenster im Rücken hat. Selbst wenn man am Köcheln ist, partizipiert man an diesem Rundum-Ausblick, das ist wirklich einzigartig.

 

Kochen macht mir – selbst im Urlaub – Spaß, und wenn die Küche mehr zulässt als das Erwärmen von Dosen-Ravioli, freut sich der Hobbykoch! Die geräumige Küche ist für mich ein ganz besonderes Schmankerl, allein schon wegen der riesigen abgewinkelten Arbeitsfläche. Auch die ausziehbaren Unterschränke, die das Kochgeschirr auf zwei Ebenen bereit stellen, sowie der in unmittelbarer Nähe rechts stehende Kühlschrank, dessen Türen auch an der richtigen Seite angeschlagen sind, machen das Zubereiten leckerer Speisen zum Vergnügen. Dabei hat man auch noch jede Menge Bewegungsfreiheit, die Mitreisenden stehen sich nie im Weg. Und dann dieser Ausblick!

 

Das Raumbad zwischen Küche und Frontbereich ist natürlich auch groß und geräumig, jedoch empfinde ich die Position der Toilette zwischen Handtuch-Heizkörper und Dusche etwas eingeengt. Ansonsten ist der Nassbereich perfekt, aber auch eher unspektakulär.

 

Tritt man durch das Raumbad nach vorn, erreicht man die absolute Besonderheit des Carver 890 RRL:

Zwischen dem Bad und Fahrer/ Beifahrersitz ist noch ausreichend Platz für halbhohe Schrank/Tisch-Kombinationen, die sogar noch ausziehbare „Schreibtisch-Platten“ beinhalten; zusammen mit den beiden Sitzen, die selbstverständlich um 180° gedreht werden können, kann man fast von einer Art Büro sprechen. Die lichte Höhe dieses Ortes erreicht jedoch nur für kleinere Menschen Stehhöhe. Und das ist in Ordnung so, denn da ist ja noch das Hubbett.

 

Dieses Hubbett hat Längsbetten, für mich persönlich ein Novum, das habe ich noch nirgendwo gesehen. Es wird elektrisch bedient, und hat in abgesenktem Zustand nach oben mehr Platz, als ein Erwachsener im Sitzen braucht, und es wackelt nicht, auch wenn es wie herkömmliche Hubbetten an einer „Eisenstangen-Mimik“ aufgehängt ist.

 

Wenn man damit leben kann, dass man – wenn man morgens aufwacht – erst mal aufstehen muss, um nachzuschauen, wie das Wetter draußen ist, weil man ja rings um das Hubbett keine Fenster hat, dann hat dieses riesige Längs-Hubbett seinen ganz besonderen Reiz. Nirgendwo verschwindet so viel Bett so elegant unter der Decke wie im Carver 890 RRL.

 

Für mich hat dieses Wohnmobil insofern einen ganz besonderen Reiz, als dass man beim Ankommen an einer schönen Stelle in freier Natur immer eine grandiose Aussicht nach draußen hat, gleichgültig ob man jetzt mit der Front oder mit dem Heck zum Meer, zum Strand oder zu den Bergen steht:  Entweder blickt man durch die große Frontscheibe des Vollintegrierten, oder man schaut von der Rundsitzgruppe aus durch die drei hinteren Fenster. Diese grandiose Helligkeit und Luftigkeit wird von den großen Dachluken wunderbar unterstützt. Auch an trüben regnerischen Tagen kann man sein Buch lesen, ohne die LED-Beleuchtung zu aktivieren.

 

Die verbaute Technik ist – soweit ich es beurteilen kann – auf höchstem Niveau, da kann ich nicht meckern. Wollte man unbedingt ein Haar in der Suppe finden, so würde ich die Verstell-Hebel der Sitzlehnen im Führerhaus (bzw. im Büro…) von der Außen- auf die Innenseite verlegen, denn vor dem Herablassen des Hubbettes müssen die Sitzlehnen umgelegt werden.

 

Paare mit unterschiedlichen Ansprüchen an das TV-Programm dürften den Grundriss ganz besonders schätzen, denn es gibt zwar viele Wohnmobile mit zwei TV-Geräten, aber außer dem Carver 890 RRL in dieser Klasse keines, in dem einer auswählen kann, ob er sein Lieblingsprogramm im zweiten Wohnzimmer auf bequemen Sesseln genießen möchte, das Knabberzeug in Reichweite, oder das Bett herunter lässt, und schon mal im Liegen schaut. Und seien wir mal ehrlich: Wenn man länger unterwegs ist, kann es auch bei frisch verliebten Paaren immer mal vorkommen, dass man auch im Wohnmobil nicht so eng aufeinander hocken mag, und etwas Distanz gut tut. Wenn es in solchen Situationen draußen regnet, kann man das auch im Carver durchstehen, oder ist das unrealistisch?

 

Nun gibt es ja den ähnlichen Grundriss beim gleichen Hersteller auch als Alkoven, hier heißt er Cruiser 890 RRL. Wer würde in diesem Fahrzeug freiwillig in das kleine enge ungeheizte Fahrerhaus kriechen, um dort sein Buch zu lesen? Und wieder heraus kriechen, um sich ein Getränk zu holen? Hier sind die Seriensitze des Fahrgestell-Herstellers verbaut, die während der Fahrt beheizbar und vielleicht sogar luftgefedert sind. Im Stand sind sie mit den Sitzen des Carver nicht vergleichbar. Das ist wie Küchenstuhl zu Wohnzimmersessel. Das Bett im Alkoven mag vielleicht die gleiche Qualität wie das Längs-Hubbett haben, aber in der Variabilität ist der Alkoven dem Vollintegrierten klar unterlegen. Der Carver ist außerdem einfach der elegantere schönere Wagen, der zudem noch mehr Bewegungsfreiheit und bessere Raumausnutzung bietet.

 

Noch ein paar Zeilen zum Fahrgestell: Ich konnte den Testwagen zwar nicht selber fahren, bin aber kürzlich mit einem Wohnmobil auf gleicher Basis gefahren, nämlich dem Iveco Daily mit dem 8-Gang ZF-Wandlergetriebe. Was soll man dazu sagen? Vielleicht nur ein Wort: Endlich!

 

Für diese Motor-Getriebe-Kombination wurde es dringend Zeit, denn dem Anspruch der Wohnmobil-Hersteller, Luxus-, Premium- oder sonst wie genannte hochpreisige Fahrzeuge anzubieten, wurde die Agile schon lange nicht mehr gerecht; ein automatisiertes Ruckel-Schaltgetriebe ist einfach aus der Zeit, es passt nicht und passte noch nie in solche Fahrzeuge.

Besitzern von Wohnmobilen mit dem Agile-Getriebe, die sagen „Naja, ich komme mittlerweile damit zurecht, man muss halt lernen damit umzugehen“, möchte ich von einer Probefahrt mit dem Wandlergetriebe dringend abraten, denn dies erzwingt den Sinneswandel, man wird von da an mit dem Agile Kompromiss-Getriebe nicht mehr glücklich.

 

Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass kein anderer Grundriss mehr an Raumgefühl und Ausblick zu bieten hat, und nur ganz wenige an die Größe der Küche heran kommen.

Ich halte den Carver 890 RRL für einen genialen großen Wurf, der seinen Weg machen wird. Die Technik ist bewährt, gegen das Fahrgestell (und schon gar nicht gegen das Getriebe) ist nicht zu argumentieren, und er bietet mit seinem außergewöhnlichen Grundriss gleich vier Besonderheiten, die man in dieser Kombination nicht noch einmal findet: gedrehte Rundsitzgruppe, große Winkelküche, Büroeinrichtung/zweites Wohnzimmer im Fahrerhausbereich und Längs-Hubbett, das hat derzeit keiner.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.